Die Story hinter dem Lernen Heute Wiki

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Quelle: pixelio.de
Meine Maturaarbeit im Wahlfach Informatik im Jahr 1990 war die Erstellung eines Vokabeltrainers in der Programmiersprache Turbo-Pascal. Nachdem die Vokabeln eingetippt waren, konnten in einem Abfragemodus (deutsch – englisch – gemischt bzw. deutsch – französisch – gemischt) die eigenen Kenntnisse überprüft werden. Fehlerhaft beantwortete Vokabeln wurden immer wieder automatisch wiederholt, bis sie korrekt beantwortet waren. Diese Art von Software nennt man heute passenderweise „Drill-Software“ (brrr).

Technisch funktionierte der Vokabeltrainer einwandfrei, jedoch lerntechnisch war er eine mittlere Katastrophe. Konnte ich am Vortag einer Wiederholung mit diesem Programm noch alle Vokabeln, so waren diese am nächsten Tag teilweise nicht mehr in meinem Gedächtnis abrufbar. Damals vermutete ich schon, dass eLearning nicht immer effizient ist. Aber es hieß in allen Medien: Der Computer sei ein geduldiger Lernpartner. Das musste er auch sein, bei dieser Art von Lernen.

Heute weiß ich, dass ein Pauken von Vokabeln außerhalb ihres Kontextes an Zeitverschwendung grenzt. Heute weiß ich auch, warum ich mich an simple Vokabellisten im Buch besser erinnern konnte, als an die Vokabeln des Vokabeltrainers: Im Buch stehen bestimmte Vokabeln an bestimmten Positionen (linke Seite, rechte Seite, vor und nach anderen Vokabeln), beim Vokabeltrainer am Bildschirm standen sie immer an derselben Stelle, aber in zufälliger Reihenfolge. Heute weiß ich, dass Vokabeln, die in einem Kontext (Texten, Bildern, Filmen) vorkommen, leichter zu lernen sind als andere.

Das Thema eLearning beschäftigte mich weiter. In den folgenden 15 Jahren verwendete ich einige eLearning-Programme: Englisch-Trainer (mit Spracherkennung), Mathematik-Trainer (mit Multiple-Choice-Tests und Kurvendiskussions-Funktionen), Computer-Based-Trainings (zur Euro Umstellung in den Sparkassen) usw. Kein einziges kam über das enttäuschende Niveau meines Vokabeltrainers hinaus. Immer fand ich diese Lernprogramme umständlich, wenn schnell was nachzuschlagen war, der langfristige Lerneffekt war extrem niedrig und der anfangs hohe Spaßfaktor dieser multimedial toll gestalteten Programme sackte rapide bis zur Nicht-Benutzung ab. Genau begriff ich nicht, warum das so war. Die Nachteile dieser „traditionellen“ e-Learning Formen waren mir allerdings bewusst: Sie boten allesamt einen miserablen Lerneffekt, sie verursachten hohe Kosten bei der Erstellung und waren oft schnell veraltet.

Jemandem eine CD in die Hand zu geben und sagen: „Lerne das“ funktioniert nicht, davon bin ich überzeugt. Nahezu jeder wird versuchen, den Inhalt auszudrucken und den Ausdruck durchzuarbeiten. Offensichtlich lesen viele Menschen am Bildschirm ungern lange Texte.

Ein zweites Manko meines Vokabeltrainers war: Es gab kein Internet. Wenn Schüler/innen sich die Mühe machten und die Vokabeln der aktuellen Lektion eintippten, so mussten sie mühsam über Diskette auf den PC eines anderen Schülers importiert werden. Gemeinschaftliches Arbeiten war nicht möglich. Auch hätten nachfolgende Jahrgänge vielleicht meinen Pool an Vokabeln gerne nutzen wollen, hätten sie gewusst dass er existiert. Heute wäre es viel einfacher: Der Vokabelpool wird auf der Schulhomepage zum Download angeboten. Fertig.

Während meiner Laufbahn als Berufsschul-Lehrer bin ich auf einige tolle Projekte von Kollegen gestoßen. Allerdings nur am Rande und oft nur per Zufall: Manchmal erfahre ich von solchen Projekten bei der (immer lobenden) Erwähnung in der Notenkonferenz, manchmal wird ein Projektblatt beim Kopierer vergessen. Manchmal erfahre ich auch aus der Zeitung von unseren Schulprojekten. Es sind ähnliche Probleme wie beim Verteilen der Vokabeln des Vokabeltrainers: mangelnde Kommunikation und damit schlechtes Marketing.

Warum dann dieses Wiki? Ist das auch nicht eine Art von eLearning?

Ja, aber eine neue Art. Ein Wiki oder ein Weblog sind leere Blätter, die der Lernende nach Lust und Laune befüllt. Sie drillen nicht, nicht zwingen nicht, sie lassen dem Lernenden größtmögliche Freiheit. Es ist eine neue Art des eLearnings. Manche nennen es eLearning 2.0. Wikis und Weblogs sind unserem Schulsystem um mindestens ein Jahrzehnt voraus. Aber wir können einige Vorteile schon jetzt nützen.

Dieses Wiki, soll eine Plattform für meine Unterrichtsarbeit sein. In ihm, vor allem aber auch im Schwester-Weblog lernenheute.wordpress.com werden Ideen, Erkenntnisse und Irrtümer veröffentlicht.

Werner Prüher, Jänner 2007